[Rezension] Der Kinderprozeß (Jean Philippe Devise)

Der Kinderprozeß

Originaltitel: ?
Autor: Jean Philippe Devise

Verlag: Eligia Goroncy Verlag
Erscheinungsdatum: 1995
Taschenbuch mit 195 Seiten

ISBN: 978-3931063016
Preis: -
Empfehlung: ab 14 Jahren

Teil einer Reihe: Nein

Kurzbeschreibung: Grace' Mutter ging nach draußen, um noch einmal Gott zu danken und sagte, als sie wieder herein kam, daß Grace ihre hochhackigen Schuhe und ihren Minirock anziehen und wieder auf die Straße vor dem Hotel solle, wie sie ihr es schon oft erklärt hatte, waren die Männer am Morgen geiler. Grace lag auf der Seite und rührte sich nicht. Ihre Mutter riß ihr die Decke weg und pflanzte sich mit verschränkten Armen vor ihr auf. "Beeil' dich. Du gehst zwei Stunden auf die Straße. Du kriegst keinen guten Platz, wenn du trödelst." Grace stand vorsichtig auf. Sie stand jetzt ihrer Mutter gegenüber, den Kopf gesenkt. Ihre Mutter war größer als sie. Grace schluckte. "Worauf wartest du?" "Ich kann nicht", sagte Grace. Grace' Mutter beugte sich vor, die Hand bereit."Du kannst nicht?" "Sie haben mich zugeklebt". ..

Meinung: Die Kurzbeschreibung lässt keinen Zweifel daran, um was es in Der Kinderprozeß geht, oder doch ? Ich dachte, es geht Grace` Leben als Prostituierte, wie sie dahin kam und wie es mit ihr weiter geht.

Aber falsch gedacht. Schon auf den ersten Seiten wird  klar, hier geht es um etwas Größeres. Grace, ihr kleiner Bruder Eduardo und ein paar weitere Kinder werden entführt. Nachdem Grace vergewaltigt und misshandelt wurde, wird sie wieder freigelassen. Sie sinnt auf Rache und hofft auf Hilfe von Pater Jaques Delveaux und der Ärztin Martine.

Das Buch ist wirklich erschreckend. Es zeigt eine Welt, wie es sie nicht geben dürfte und doch oft Alltag ist. Eine kalte Welt mit abgestumpften Menschen, Mord, Hass und vielen Fragen. Anfangs geht es nur um die Entführung. Grace will die Täter vor Gericht stellen, was ihr nicht gelingt und so verübt sie Selbstjustiz. Bald wird klar, es geht nicht nur um Mord und Vergewaltigung, sondern um viel Schlimmeres. So schlimm, dass man als normaler Mensch nicht weiter darüber nachdenken möchte.
Sie machte das, was alle machen, die die Angst orienierunslos werden läßt: sie ging dahin zurück, was sie kannte und gewohnt war, wie feindlich es auch sein mochte. S. 65
Genau weil sie sind,  was sie sind, machen sie das, was sie machen. Wenn du anfängst, es wie sie zu machen, bist du wie sie. S 106
Der Autor hat die Welt so dargestellt, wie die Menschen sie gemacht haben. Kalt und grau und dunkel und schlecht. Die Stimmung ist erdrückend und man selbst wird vom Inhalt runter gezogen. Auch die Charactere haben nichts zu verlieren, sie wollen ihre Freunde rächen. Vom Leben haben sie nichts zu erwarten, sie sind Kinder aus den Favelas in Brasilien, besuchen keine Schule, haben oft nicht mal etwas zu essen, müssen sich prostituieren, damit sie überhaupt über die Runden kommen.

Der Autor schreibt sehr realitätsnah. Die Kinder benutzen Jugendsprache, aber nicht zu übertrieben, was den Roman sehr authentisch macht. Auch der Pater und die Ärztin haben ihren eigenen Charme, wollen den Kindern helfen und geraten immer mehr in ein Netz aus Lügen.
Man muss von Zeit zu Zeit nachdenken. Nicht zu viel, weil man hinterher sehr intelligent und sehr verdreht wird, und man bastelt Atombomben. Aber ein bißchen, das ist gut.  S. 104
Je mehr du denkst, desto mehr willst du. Wenn du bekommen hast, was du wolltest, willst du was anderes. Du gehst von einer Lust zu anderen, ohne Ende. Und jedesmal, wenn du was Neues willst, ist es immer mehr, als du vorher wolltest. Zum Schluß wird deine Lust verrückt. S. 116
Meine Ausgabe ist sehr veraltet, ist sogar noch in der alten Rechtschreibung. Mittlerweile hat der Verlag eine neue Auflge heraus gebracht, die unten verlinkt ist. Das Buch ist vom Kultusministerium Berlin auf die Liste der für Schulen empfohlener Bücher gesetzt und dem kann ich nur zustimmen.

Fazit: Ein bedrückendes Buch über Selbstjustiz und unsere verkorkste Welt.
Bild von mir, Kurzbeschreibung via Eligia Goroncy

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